Wer die letzten Jahre nicht unter einem Stein verbracht hat, hat inzwischen bestimmt tausendmal gehört, dass Russland eine Bedrohung darstellt. Ist so weit ja auch korrekt. Trotzdem lassen die großen Medien da einen gehörigen Teil der Wahrheit außen vor. Denn was einem die Tagesschau nicht in den Kopf zu hämmern versucht ist, ist, dass dasselbe für die USA gilt. Oder für Ungarn. Oder die Ukraine. Oder für Frankreich, Österreich und ganz besonders Deutschland selbst. Worum es bei dieser Erzählung nämlich eigentlich geht, ist nicht, ob irgendwer von uns etwas zu befürchten hat, sondern ob der Staat an sich in Gefahr ist.
Warum das den meisten nicht auffällt, ist schnell erklärt. Die penetrante Ideologisierung, der man als Staatsbürger von Geburt an ausgesetzt ist, trägt Früchte. Sie führt dazu, dass die meisten sich völlig selbstverständlich mit „ihrem“ Staat identifizieren. Sie setzen die Interessen dieses Staates mit den ihren gleich, weil Parolen wie „Der Staat sind wir alle“ dermaßen gängig sind, dass sie wie gottgegebene Wahrheiten erscheinen. Tatsächlich ist das ziemlich absurd. Das ist in etwa, als würde der unschuldig Inhaftierte glauben, die Interessen des Gefängnisses, in dem er sitzt, wären gleichzeitig seine eigenen.
Der Staat ist eine Institution, die mittels Gewalt die kapitalistische Wirtschaftsordnung aufrechterhält. Diese Wirtschaftsordnung basiert auf der Trennung von denjenigen, die über Produktionsmittel verfügen, und denen, die das nicht tun. Sie trennt den Arbeiter von seinen Arbeitsmitteln und lässt es selbstverständlich erscheinen, dass ihm noch nicht einmal die Schutzbrille gehört, die er sich vor Schichtbeginn aufsetzt. Oder der Bürostuhl, auf dem er täglich um 7 Uhr morgens Platz nimmt. Ohne den Staat mit seiner Gesetzgebung und den bewaffneten Kräften, die diese durchsetzen, hätte diese Trennung überhaupt keinen Bestand.
Es ist der Staat, der garantiert, dass die einen ein Leben lang ihre Arbeitskraft verkaufen müssen, um sich etwas zu essen leisten zu können, während die anderen dieses Essen verkaufen und mit dem erwirtschafteten Profit immer weitere Produktionsstätten errichten, um noch mehr Arbeitskräfte zu beschäftigen.
Und wenn irgendein anderer Akteur dieses harmonische Treiben stört oder zu einer ernsthaften Konkurrenz wird, dann ist es derselbe Staat, der diejenigen, die nichts zu verkaufen haben außer ihrer Arbeitskraft, zum Dienst an der Waffe zwingt. Mal subtil und verführerisch, mal ganz unverhohlen – aber immer unerbittlich. Und er ist bereit, diese Menschen zu opfern.
Dabei sollte man nicht den Fehler machen, diese Opferbereitschaft herunterzuspielen. Hunderttausende Menschen, die an der Front zerfetzt werden, sind für so einen Staat alles andere als bedeutungslos. Immerhin verliert er damit einen gewaltigen Teil seiner Wertschöpfungskapazität. Und natürlich betrauern seine Vertreter jeden einzelnen Helden, der glorreich im Kampf gefallen ist. Teilweise wahrscheinlich sogar aufrichtig. Sie ehren sein Andenken, denn nur dank Helden wie ihm kann der Staat danach wieder richtig aufblühen. Und in der Blütephase der Nation dürfen dann die Kinder des Helden jeden Tag wieder eine Schutzbrille aufsetzen, die ihnen nicht gehört. Oder auf einem Bürostuhl Platz nehmen, den ihr Chef ihnen täglich ab 7 Uhr zur Verfügung stellt.
Die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Interessen des Staates, in dessen Verfügungsgebiet ihr geboren wurdet oder der euch als ihm zugehörig akzeptiert hat, mit euren Interessen decken, ist eher gering. Natürlich weiß ich nicht, wie es in Sachen Eigentum an Produktionsmitteln oder Kapital bei euch aussieht. Vielleicht gehört ihr ja doch zur herrschenden Klasse. Ich für meinen Teil tue das allerdings nicht. Und ob Russland eine Bedrohung für Deutschland darstellt, ist mir herzlich egal.
Mich beschäftigt vielmehr, wer eine Bedrohung für mich, die Menschen in meinem Umfeld und den größten Teil der übrigen Menschheit darstellt. Und da steht Deutschland Russland in nichts nach. Was mich persönlich und mein Umfeld angeht, sogar ganz im Gegenteil. Immerhin ist es wahrscheinlicher, dass irgendwelche deutschen Feldjäger jemanden von uns einkassieren, um ihn an der Front zu verheizen, als dass es Russland tut. Und daran ändert sich auch nichts, wenn es schließlich eine russische Drohne ist, die den tödlichen Schuss abgibt. Mal ganz abgesehen davon, dass der Soldat, der sie steuert, ebenfalls von „seinem“ Staat dorthin verfrachtet wurde.







Kommentar verfassen