In einer Gesellschaft, die auf der Ausbeutung einer Klasse durch die andere basiert, muss irgendwie sichergestellt werden, dass die ausgebeutete Klasse das Spiel mitspielt. Das sollte im besten Fall ohne viel Widerwillen und noch dazu mit vollem Einsatz geschehen. Es gibt da eine Sache, die so effektiv wie nur irgend denkbar zu genau diesem Zustand beiträgt. Das ist die Überzeugung, dass die Verantwortung dafür, ob das eigene Leben einen positiven oder negativen Verlauf nimmt, beim Individuum selbst liegen würde.
Der Kapitalismus ist ein durch und durch verdorbenes Wirtschaftssystem, aber dafür ist er raffiniert. Und was er besonders gut kann, ist, Sachverhalte zu verschleiern – und natürlich Dinge zu verkaufen. Eine der meistverkauften Ideen ist der Glaube daran, dass jeder es schaffen kann. Dass, wer sich genug anstrengt, früher oder später auch den Erfolg hat, den er verdient.
In Wahrheit ist das völliger Quatsch. Die meisten, die es versuchen, müssen allein aufgrund der Systemlogik scheitern. Denn die kapitalistische Wirtschaftsweise führt zwangsläufig zu immer größerer Kapitalakkumulation und schließt es somit systematisch aus, dass sich das Kapital unter einer zunehmenden Prozentzahl von Menschen verteilt; ganz egal, wie fleißig sie auch sein mögen. Dafür häuft sich Kapital aber am allerbesten bei immer weniger Kapitalisten an, wenn die Arbeiter genau das sind: fleißig. Es ist also von großem Vorteil, wenn die Arbeiterklasse nicht nur die Lüge vom Aufstiegsversprechen frisst, sondern auch eine gewisse Frustrationstoleranz entwickelt.
Floskeln wie „Das Leben ist kein Ponyhof“ oder „Das Leben ist hart“ bekommt man von Kindesbeinen an um die Ohren gehauen. Und ohne Zweifel steckt darin auch eine Menge Wahrheit, wenn man sein Dasein als Zugehöriger der Arbeiterklasse in einer kapitalistischen Gesellschaft fristet. Deshalb: „bloß niemals aufgeben!“
Wann hat sich zuletzt jemand von euch gefragt, warum dieses „Aufgeben“ eigentlich völlig selbstverständlich so dermaßen fatale Auswirkungen hat, dass es niemals, wirklich niemals geschehen darf? Was sind denn die Konsequenzen einer solchen Kapitulation? Arbeitslosigkeit? Ewige Armut? Der komplette mentale Zusammenbruch? Und wieso ist es derart normal, dass man sich während seiner Lebzeiten offenbar ständig in irgendeinem Kampf befindet? Was sind denn das für Kämpfe? Frust im Job? Stress, irgendwie die Finanzen und gleichzeitig die Familie zu managen? Das Geld, das hinten und vorne nicht reicht, sodass man vor der Wahl steht, ob einem eine warme Mahlzeit oder doch die Heizungsrechnung wichtiger ist? Ist es der Ärger mit irgendwelchen Behörden und Ämtern? Die nagende Einsamkeit oder fehlende Akzeptanz in einer Gesellschaft, in der jeder mit jedem konkurriert? Das Ganze vielleicht an der Schwelle zum Burnout oder bereits begleitet von der einen oder anderen Sucht? Vielleicht quält einen wegen der ewigen Schreibtischarbeit oder der Schufterei in der Fabrik auch der Rücken. Oder ist es die Frage, wofür man sich den ganzen Scheiß überhaupt noch antut? Ich hoffe nicht, denn solche Fragen stellt man sich nicht!
Egal ob im Fernsehen, in Youtube-Videos, in Selbsthilfebüchern oder einfach im täglichen Austausch mit den wohlerzogenen Mitmenschen, überall die gleiche Leier: Der Weg in ein erfolgreiches Leben verlangt positive Gedanken. Die Bereitschaft, motiviert anzupacken, statt den Kopf in den Sand zu stecken. Den Drecksjob, den Stress, die Existenzängste, die Verzweiflung auch mal auszuhalten und Probleme einfach wegzulächeln. Alles nur eine Frage der Einstellung.
Das größte Zugeständnis, das hier noch gemacht wird, ist irgendein Nährstoffmangel oder ein Defizit im Stoffwechsel, das sich durch Nahrungsergänzungen oder ein paar Pillen beheben lässt. Also im Grunde das schluckbare Pendant zum Kassenschlager Selbsthilfebuch. Warum die Ursachen beseitigen, wenn man die Arbeiter durch Motivationsphrasen oder schlicht irgendwelche Drogen dazu bringen kann, die Probleme einfach nicht mehr wahrzunehmen?
Die Effekte einer solchen Sozialisation liegen auf der Hand. Erstens braucht jemand, dessen Grundannahme es ist, dass das Leben von Natur aus hart, anstrengend oder brutal ist, deutlich länger, bis er künstlich geschaffene Zumutungen als solche erkennt. Zweitens hat ein Individuum, das je nach Umstand entweder die Ursache der Probleme, deren Lösung oder beides bei sich selbst sucht, den Fokus nie dort, wo das Übel tatsächlich entsteht. Außerdem wird dieses Verhalten kaum ein Problem wirklich aus der Welt schaffen. Und wenn durch eine selbstauferlegte Form der Akzeptanz, des permanten Aushaltens oder der aktiven Beschwichtigung der eigenen Empfindungen doch eine Art Frieden hergestellt wird, dann gibt es umso weniger Anlass, den Blick auf den eigentlichen Krisenherd zu richten. Heruntergebrochen ist eine solche Einstellung nichts weiter als die absolute Unterwerfung unter das Herrschaftsverhältnis und somit die herrschende Klasse an sich. Parallel wähnt man sich als triumphierendes Individuum, das sein Schicksal in die eigene Hand genommen und dem Leben das Glück abgerungen hat.
Der Gedanke an Solidarität lässt sich in einer solchen Welt der Einzelkämpfer natürlich mit Leichtigkeit beiseite schieben. Da kann man entweder mit verächtlicher Arroganz auf jene schauen, die unfähig waren, es aus eigener Kraft zu schaffen, oder man ignoriert sie einfach. Wahlweise kann man sie auch dafür bemitleiden, dass sie nicht über die gleiche Siegermentalität verfügen wie man selbst. Im Optimalfall lässt sich daraus frisches Selbstvertrauen für das Überleben in der Ellenbogengesellschaft schöpfen. Dass ein Großteil dessen, womit Menschen in ihrem Alltag zu kämpfen haben, aus demselben Herrschaftsverhältnis hervorgeht, tritt dabei völlig in den Hintergrund.
Selbstverständlich ist nicht jede schwierige Lebensphase oder jeder Schicksalsschlag auf die ökonomischen Verhältnisse zurückzuführen. Es gibt zwar Unfälle, zwischenmenschliche Konflikte, Krankheiten usw. die indirekte Folge der kapitalistischen Gesellschaftsordnung sind, aber durchaus auch Ereignisse, bei denen sich kein nachvollziehbarer Bezug zum Kapitalismus herstellen lässt. Dass diese wiederum gravierende finanzielle wie soziale Folgen haben können und die Verantwortung auch hier gern auf das Individuum abgewälzt wird, gehört allerdings genauso zur Wahrheit. Es interessiert zum Beispiel viele Arbeitgeber nicht, ob es an einem fremdverschuldeten Unfall liegt, dass ihre Angestellten nicht mehr die nötige Leistung bringen können. Dann müssen sie sich eben damit arrangieren oder den Job wechseln. Und ob die junge Frau, deren Freund den Kampf gegen eine langjährige Krankheit letztlich verloren hat, in eine tiefe psychische Krise stürzt, ändert nichts daran, dass sie ihre Rechnungen pünktlich zu zahlen hat. Wenn sie genügend Kraft oder ein unterstützendes Umfeld hat, kann sie sich ja einen Therapieplatz suchen. Sofern einer verfügbar ist und die Kosten von ihrer Krankenkasse übernommen werden. Und wenn nicht … keine Ahnung. Einfach nicht aufgeben!
Lasst euch nicht verarschen. Es gibt genau eine Gruppe von Menschen, die davon profitiert, wenn die Verantwortung für wie auch immer gearteten Erfolg oder mentale Gesundheit auf den Einzelnen abgewälzt wird. Ohne zu viel verraten zu wollen: Die Arbeiterklasse ist es nicht.
Und nein, das bedeutet nicht, dass das Individuum ein handlungsunfähiges Opfer seiner Umstände wäre. Aber man darf es sich schon eingestehen, wenn man Probleme hat, die man nicht gelöst kriegt, und Träume, die man nicht verwirklichen kann. Das macht einen nicht zum Versager oder zur Versagerin, das ist vielmehr ein Zeichen dafür, dass man ein Bewusstsein für die wahre Beschaffenheit dieser Welt entwickelt. Das Leben als Teil der Arbeiterklasse ist ein Leben in Unterdrückung. In einer Unterdrückung, aus der sich das Individuum allein nicht befreien kann. Dass deshalb Unmengen von Menschen niemals das erreichen werden, was sie sich wünschen, ist simple Logik. Genauso wie die Tatsache, dass daraus Umstände erwachsen können, die zu körperlichen sowie psychischen Leiden führen.
Man kann versuchen, sich die Umstände schönzureden. Man kann sich in Resilienz und Genügsamkeit üben. Man kann sich mantraartig irgendwelche Motivationssprüche vorsagen und den Blick von den Problemen dieser Erde abwenden. Man kann sich mit Nahrungsergänzungen und anderen Wundermitteln vollstopfen oder sich einreden (lassen), man wäre ein freier Mensch, dem die gesamte Welt offentsteht. An den materiellen Verhältnissen wird all das jedoch überhaupt nichts ändern. Wirkliche Freiheit erlangt man nicht als Einzelkämpfer, erst recht nicht als idealistischer. Wirkliche Freiheit erlangen wir, indem wir die kapitalistische Herrschaft und ihre Lügen als solche erkennen, uns als unterdrückte Klasse zusammentun und dieses zerstörerische Wirtschaftssystem ein für alle Mal hinter uns lassen.







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