Ein bisschen weniger Egoismus

Ein bisschen weniger Egoismus

Gerade liegt ziemlich viel im Argen, aber Nadine verliert die Hoffnung nicht. Ein bisschen weniger Egoismus und die Zukunft sähe gleich sehr viel angenehmer aus. Davon ist sie überzeugt. Deshalb lebt sie es vor. Sie ist hilfsbereit und verhält sich sozial. Sie steht dafür ein, dass alle etwas freundlicher zueinander sind. Für ein Miteinander anstelle eines Gegeneinanders, denn davon profitiert am Ende jeder.
Für ihre Freunde ist Nadine ein Vorbild. „Wenn nur alle wären wie Nadine“, sagen sie oft, „dann wäre die Welt ein besserer Ort.“
So etwas zu hören, freut Nadine. Das zeigt ihr, dass sie auf dem richtigen Weg ist. Und so schläft sie trotz aller Krisen nicht selten zufrieden ein.

Überhaupt ist Nadine im Moment echt zufrieden. Den richtigen Job hat sie schon länger, aber seit Kurzem hat sie auch eine neue Wohnung. Das bedeutet, dass sie nicht mehr eine geschlagene Stunde, sondern nur noch 15 Minuten für den Arbeitsweg braucht. Am Tag sind das ganze eineinhalb Stunden Ersparnis. Manchmal, wenn sie abends auf der Couch liegt, denkt sie: „Normalerweise würde ich jetzt noch im Auto sitzen.“ Dann macht sich ein breites Grinsen auf ihrem Gesicht breit.

Lange hat Nadine nach einer solchen Wohnung gesucht. Über die letzten zwei Jahre hat sie fast ein Dutzend Besichtigungen hinter sich gebracht. Viele der Wohnungen hätte sie sofort genommen, allerdings hat sich der Vermieter jedes Mal für jemand anders entschieden. Kürzlich aber war es so weit und Nadine war die Glückliche. Wobei, so ehrlich muss man sein, Glück allein war das nicht. Über die Zeit ist sie fast schon so was wie eine Wohnungsbesichtigungsexpertin geworden. Am Ende wusste sie ganz genau, wie man einen guten Eindruck hinterlässt. Deswegen war sie doch auch ein bisschen stolz, als es endlich geklappt hat. Vor allem aber war sie erleichtert.

Viel länger hätte sie sich ihre alte Wohnung nicht mehr leisten können. Zum einen wegen der Spritkosten, zum anderen wegen des hohen Mietpreises. Eine kleinere Wohnung, die näher an der Arbeitsstelle liegt, war da unumgänglich.
Natürlich hätte auch Heiko, ein anderer Interessent, die Wohnung echt brauchen können. Wenn der Vermieter nämlich Eigenbedarf anmeldet, tickt die Uhr. Das ist kein Spaß. Deshalb hätte Nadine Heiko die Wohnung auf jeden Fall gegönnt. Aber was hätte sie tun sollen? Hätte sie verzichtet, hätte sie in ein paar Monaten möglicherweise ganz ohne Dach überm Kopf dagestanden. Eine wirkliche Wahl hatte sie also nicht.

Mittlerweile lebt Heiko in seinem Auto. Das macht manches etwas komplizierter. Bei der Versicherung oder diversen Ämtern etwa ist eine Meldeadresse schon von Vorteil. Auch seinem Rücken scheint das nicht so zu gefallen. Insgesamt lässt es sich aber aushalten. Zum Duschen geht Heiko ins Schwimmbad und hin und wieder kommt er auch eine Nacht bei Freunden unter. Das sind korrekte Leute. Hilfsbereit und sozial. Sie stehen dafür ein, dass alle etwas freundlicher zueinander sind. Für ein Miteinander anstelle eines Gegeneinanders, denn davon profitiert am Ende jeder.
Wenn nur alle wären wie seine Freunde, dann wäre die Welt ein besserer Ort. Klar, Heiko würde trotzdem mit einem Bein auf der Straße stehen, aber man kann eben nicht alles haben. Sonst müsste man am Ende noch den Kapitalismus abschaffen. Und das wäre ja doch ein bisschen radikal.



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