Die Dringlichkeit des Systemwechsels I – Klima

Obwohl ich mich hier in erster Linie darauf konzentrieren möchte, den Kapitalismus und alles, was er mit sich bringt, wie er unsere Gesellschaft nicht nur prägt, sondern formt, und weshalb er genau das tut, Stück für Stück zu entlarven, habe ich beschlossen, zunächst noch eine Reihe von Beiträgen voranzustellen.
Auf der einen Seite bin ich sicher, dass es unsere Sozialisation bzw. der Alltag der Menschen in diesem System verlangt, dass dem Erkenntnisgewinn ausreichend Zeit gegeben wird, bis die Summe zahlreicher kleiner Erleuchtungen die Realität in einem anderen Licht erscheinen lässt. Auf der anderen Seite ist es gerade die Zeit, die den Erkenntnisgewinn so dringlich macht, denn mit jeder Sekunde, die der Status Quo aufrechterhalten wird, schwindet dieselbe.

Um keinen falschen Eindruck, keinen Anschein von vermeintlicher Gelassenheit zu vermitteln, halte ich es also für sinnvoll, anhand verschiedener Beispiele aufzuzeigen, weshalb wir eigentlich nicht demnächst, sondern umgehend einen Systemwechsel brauchen. Mit dem Wesen des Kapitalismus und seinen Verstrickungen werden wir uns dann im Anschluss befassen.
Auf tiefergehende Herleitungen werde ich an dieser Stelle verzichten. Sollte irgendein Zusammenhang unklar sein, möchte ich euch ermutigen, die Lücken selbst zu schließen. Die Inhalte dafür gibt es allesamt da draußen. Macht euch auf die Suche. Oder hinterlasst mir einen Kommentar, womöglich lässt sich manches direkt dort klären. Ansonsten seid versichert, dass es nicht das letzte Mal gewesen sein wird, dass ich das angesprochene Thema behandle. Kommen wir damit zum ersten Beispiel.

Wenn dieser Beitrag in eurer Muttersprache verfasst ist, stehen die Chancen gut, dass ihr zumindest am Rande von einer sogenannten Hitzewelle mitbekommen habt. Nun ist es natürlich nicht so, dass diese ohne Vorwarnung aus dem Nichts gekommen wäre. Genauso wenig wird das ein einmaliges Ereignis bleiben. Ganz im Gegenteil ist es nicht undenkbar, dass sich irgendein Mittdreißiger in 25 Jahren sehnsüchtig an die milden Sommer seiner Jugend zurückerinnert. Ihr versteht schon, damals, als es zumeist unter 40 Grad blieb und die ein, zwei Hitzewellen des Sommers nach jeweils ein, zwei Wochen wieder vorbei waren.

Aber erweitern wir das Bild ein wenig. Bereits jetzt verenden Personen in unseren Breitengraden vermehrt aufgrund unerträglicher Temperaturen. Es ist die allgegenwärtige Schere zwischen Arm und Reich, die Essenz unserer Gesellschaft, die nicht wenigen Menschen ihre unklimatisierte Hochhauswohnung als einzigen Rückzugsort vor der Hitze lässt. Es ist dieselbe Essenz unserer Gesellschaft, die Bauarbeiter dazu verdammt, unter lebensgefährlichen Wetterbedingungen auf der Straße zu schuften, damit der Kapitalfluss nicht versiegt. Und – kleiner Spoiler – der Kapitalfluss wird auch dann nicht versiegen, wenn die jüngst aufgestellten Temperaturrekorde wieder und wieder und wieder gebrochen werden.

Bleiben wir bei der Straße. Eine Quizfrage: Welche Jahreszeit ist die für Obdachlose bedrohlichste? Der Winter? Wollen wir mal sehen, wie lange sich das noch so eindeutig beantworten lässt. Ein Glück, dass wir nicht obdachlos sind, was? Oder Flüchtlinge, die in irgendwelchen behelfsmäßigen Unterkünften zusammengepfercht werden.
Apropos, haben wir eigentlich den Platz, kommende Flüchtlingsströme (in der Regel Nebenarme des Kapitalflusses) aufzunehmen? Also nicht nur Kriegs- oder Wirtschaftsflüchtlinge, sondern Klimaflüchtlinge? Menschenmassen, die ihre Heimat verlassen müssen, weil sie schlicht unbewohnbar geworden ist? Und wie sieht es mit den Ressourcen aus? Was, wenn eines Tages tatsächlicher Mangel herrscht? Wobei, vielleicht ließe sich das ja kombinieren.

Skizzieren wir ein Szenario, in dem in Folge von klimabedingten Missernten, etwa durch Wasserknappheit oder zusammenbrechende Ökosysteme, diverse Lebensmittelkriege in Mitteleuropa toben. Womöglich kämen die Klimaflüchtlinge dann gerade recht. Je hilfsbedürftiger ein Mensch, desto leichter fürs Militär rekrutierbar. Binsenweisheit.

Aber gut, mit Zynismus rettet man nicht die Welt. Ohne zwar auch nicht, aber ich will versuchen, Maß zu halten. Das Ding ist, dass Notwendigkeiten wie Klimaschutz, Umweltschutz und Nachhaltigkeit auf alle Zeit unvereinbar mit der Profitlogik des Kapitalismus bleiben werden. Kein Klimaabkommen, keine Richtlinie, kein Gesetzesurteil wird das ändern. Solange wir das derzeitige System aufrechterhalten, reiten wir uns mit jedem Tag tiefer in die Misere.
Und ohne zu weit vorgreifen zu wollen (ein Beitrag über Klimaskepsis steht auf meiner Liste), möchte ich festhalten, dass es eigentlich noch nicht mal eine Rolle spielt, weswegen sich das Klima verändert. In einem kapitalistischen System wird der Wert des Menschen an seiner Nützlichkeit bemessen. Das heißt, Arbeitsschutz muss sich lohnen. Zudem kann sich jeder selbst herleiten, welche Priorität der Rentner in der vorhin genannten Hochhauswohnung genießt.
Am Ende des Tages ist es sogar irrelevant, ob sich – gehen wir so weit – das Klima überhaupt wandelt. Denn selbst wer all das in Zweifel zieht, erkennt zumeist die Wichtigkeit von Umweltschutz an. Und wie gesagt ist dieser mit der Profitlogik des Kapitalismus nicht vereinbar. Auch wenn sich natürlich die Frage stellt, weshalb dann ausgerechnet der dieser Aussage zugrundeliegenden Analyse zugestimmt werden sollte. Aber wer weiß, Menschen sind immer für die eine oder andere Überraschung gut.



11 Kommentare

  1. Avatar von Stefan Kraus

    🙏🏼

    (Echter Umweltschutz ist mit der Profitlogik des Kapitalismus nicht nur nicht vereinbar. Kapitalismus ist eine der wichtigsten Ursachen der Umweltzerstörung und des Klimawandels.)

    1. Avatar von age134

      Korrekt. Tatsächlich ist Umweltzerstörung zwingende Konsequenz des Kapitalismus. Danke für deine Ergänzung!

      1. Avatar von Gamma Hans

        Vielen Dank für Ihren nachdenklichen Beitrag. Ich würde jedoch ergänzen: Nicht jede Ansteckung endet zwangsläufig im Irrtum – und selbst dort, wo sich Irrtümer verbreiten, können Aufklärung, Bildung, wissenschaftliche Erkenntnis und ein respektvoller Dialog zur Gesundung beitragen. Menschenwürde zeigt sich gerade darin, den Menschen nicht auf seinen Irrtum zu reduzieren, sondern ihm die Möglichkeit zur Einsicht und Veränderung zuzutrauen.

  2. Avatar von Heidi Kurcsis

    Bei den vielen Baustellen, die dieses System aufwirft, weiß man kaum, wo man beginnen soll. Eine davon ist jedoch so offensichtlich, dass sie die Dringlichkeit raschen Handelns mehr als deutlich macht.

  3. Avatar von T.Head

    Das verrückte ist ja, wenn man kapiert, dass wir die Welt umbauen müssen, um nicht gebraten zu werden, werden definitiv Budgets freigesetzt und es entstehen große, große Märkte

    1. Avatar von age134

      Na ja, es wären aber Investitionen, die erst mal Verlust bedeuten würden. Das ist natürlich wenig attraktiv. Vor allem, wenn das Geld bei denen liegt, die als letztes von der Klimakrise betroffen sind.
      Ich würde ja die Frage stellen, ob man überhaupt den Umweg über Märkte gehen muss, um menschliche Bedürfnisse zu befriedigen.

  4. Avatar von Annuschka

    Eine Frage, die das Menschsein im Inneren berührt: Wenn wir alle Argumente in Griffweite haben, wenn wir alle Gefahren kennen (jedenfalls in Grundzügen), wenn wir wissen, dass wir beherzt an dem Ast sägen, auf dem die Menschheit sitzt, warum machen wir oder wenigstens der Großteil einfach weiter?
    Es muss eine Erzählung als Leitbild her, die uns mehr wert ist als der bisherige Begriff des Wirtschaftswachstums.

    1. Avatar von age134

      Weil dieses „Wir“ eine Illusion ist. Diese Gesellschaft ist von Natur aus gespalten. Nicht wegen dieser ganzen Ablenkungsdebatten wie Einheimische gegen Migranten oder so was, sondern in Klassen mit gegensätzlichen Interessen. Vermieter und Mieter, Angestellte und Unternehmer – das sind die tatsächlichen, materiellen Unterschiede. Die einen sind von den anderen abhängig und können nichts dagegen tun.

      Und weil es die wenigen sind, die die Zügel – sprich: das Geld – in der Hand haben, die davon profitieren, dass es weitergeht wie bisher, und gleichzeitig als letzte unter den Folgen der Klimakatastophe leiden werden, wird sich daran nichts ändern. Keine Chance. Diejenigen, die die Macht hätten, innersystemisch Veränderungen loszutreten, haben kein Interesse daran. Die sind nicht doof oder uninformiert. Die wissen ganz genau, was abgeht. Ganz genau. Sie wollen nichts ändern. Es bringt ihnen nichts.

      Wenn man das erkannt hat, sieht man auch keinen Grund mehr, sie um irgendwas zu bitten. Wir (also wir, die wir zur unterdrückten Klasse gehören), müssen aufhören, unsere Hoffnung in die wohlhabenden und mächtigen Samariter zu setzen. Wir müssen aufhören da mitzuspielen. Nicht nur für uns selbst beschließen, dass Wirtschaftswachstum nicht so wichtig ist. Wir müssen das System abschaffen, damit Wirtschaftswachstum für niemanden mehr eine Rolle spielt.

      Und als Leitbild stelle ich mir eine Gesellschaft vor, in der die Befriedigung menschlicher Grundbedürfnisse im Mittelpunkt steht. Wir schmeißen die ganze Sache mit dem Kapital über Bord und fokussieren uns auf Dinge wie Nahrungsmittel, Gesundheitsversorgung und ein Dach über dem Kopf jedes einzelnen Menschen auf diesem Planeten. Die Sache mit dem Klima- und Umweltschutz kommt dann ganz von allein. Alles andere wäre nämlich gegen die menschlichen Grundbedürfnisse.

      1. Avatar von Annuschka

        Hm. Ich verstehe deine Intention. Den Ansatz mag ich, aber ich sehe es etwas differenzierter. Schon allein, weil es zwischen den Ausbeutern und den Ausgebeuteten, wie du es nennst, noch unzählige weitere Facetten gibt. Aber auch, weil ich grundsätzlich skeptisch gegenüber jedem Schwarz-Weiß-Denken bin. Sowie auch jedem Klassenkampf, egal, von wem er angezettelt wird.
        Und natürlich gibt es ein „Wir“, man könnte es auch den kleinsten gemeinsamen Nenner titulieren: Wir alle sind Menschen. Nenn mich ruhig Sozialromantikerin, denn das bin ich, ich setze eher auf das Verstärken von Gemeinsamkeiten. Meine bisherige Lebenserfahrung sagt mir, dass das nicht das Schlechteste ist.
        Luft nach oben ist immer. Und das ist auch gut so, denn beim Erreichen des Maximums braucht es keine weitere Anstrengung, etwas zu verbessern. Das führt dann auch zu Dekadenz.

      2. Avatar von age134

        Auf jeden Fall gibt es da noch viel mehr Facetten, das würde ich nie bestreiten. Mit meiner Beschreibung beziehe ich mich allein auf die Klassenzugehörigkeit. Und die setzt in dieser Gesellschaft den Rahmen für das gesamte Leben. Zwei Menschen mit den exakt gleichen natürlichen Veranlagungen haben nicht annähernd dieselben Möglichkeiten, wenn sie unterschiedlichen Klassen angehören. Und in vielen Fällen müssen sich die einen von Anfang bis Ende durchs Leben kämpfen, während sich die anderen niemals mit irgendwelchen existenziellen Sorgen befassen müssen. Oder übersehe ich da was?

        Gerade WEIL wir alle Menschen sind, sollte es das nicht geben, wenn du mich fragst. Deshalb käme ich gar nicht auf die Idee, „Sozialromantikerin“ abwertend zu verwenden. Wie könnte ich? Ich meine, ich bin von der Möglichkeit einer Gesellschaft überzeugt, in der Profit keine Rolle mehr spielt, sondern Solidarität die Grundlage bildet.

      3. Avatar von Gamma Hans

        Danke für Ihren engagierten Beitrag. Ich denke, dass wir die Wörter wir, ich und du brauchen, damit überhaupt Fragen gestellt und Antworten gesucht werden können. Gesellschaftliche Konflikte und unterschiedliche Interessen sind real, doch ohne Sprache, Zuhören und gegenseitige Anerkennung bleibt nur Sprachlosigkeit. Vielleicht beginnt jede nachhaltige Veränderung dort, wo Menschen einander trotz aller Unterschiede als gleich an Würde anerkennen und den Mut haben, miteinander statt übereinander zu sprechen.

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