Warum Leistungsdruck keine Frage der Einstellung ist

Leistungsdruck ist allgegenwärtig – und das kommt nicht von ungefähr. Die bürgerliche Gesellschaft – also die Gesellschaft des Kapitalismus – ist eine Leistungsgesellschaft. Keine klassische Leistungsgesellschaft aus dem Lehrbuch, aber eine Gesellschaft, die auf ihrem ganz eigenen, verdrehten Leistungsprinzip basiert. Die Annahme, dass es eine persönliche Entscheidung wäre, ob man sich diesem Prinzip unterordnet, ist daher von Grund auf verkehrt. Man hat es schlicht nicht in der Hand, ob man das Spiel mitspielt oder nicht. Dennoch hält sich dieser Irrglaube wacker. Schauen wir uns einmal an, was daran zu kurz gedacht ist.

Obwohl die meisten Menschen derselben Klasse angehören, nämlich der Arbeiterklasse, stehen sie permanent in Konkurrenz zueinander. Das lässt sich in unzähligen Bereichen beobachten, darunter der schulische und der berufliche. Es geht damit los, dass die Kinder je nach Leistung auf verschiedene Schulen verteilt werden. Schon hier wird einem klargemacht: Bessere Leistung bedeutet schließlich ein besseres Leben. Das stimmt zwar nur bis zu einem gewissen Grad, aber dafür ist der Umkehrschluss tendenziell korrekt: Wenn die Leistung ausbleibt, winkt eher kein Leben in Saus und Braus.

Im Arbeitsalltag wird das Ganze noch deutlicher. Wer Engagement zeigt, hat bessere Karten, befördert zu werden; wer die besseren Ergebnisse liefert, steigert die Chance, bei der nächsten Stellenstreichung seinen Arbeitsplatz zu behalten, und wer die größeren Erfolge vorweisen kann, bekommt den begehrten Job eher als der Bewerber mit dem Standard-Lebenslauf. Auch hier stehen die Menschen permanent in Konkurrenz zueinander und werden (unter anderem) an ihrer Leistungsbereitschaft gemessen. Doch nicht nur für Arbeitnehmer gilt das Leistungsprinzip.
Wenn der Unternehmer nicht hinterher ist, drohen Gewinneinbußen oder sogar der Bankrott. Daraus folgt zwar kaum direkt der soziale Abstieg, aber ohne Konsequenzen bleibt so etwas dennoch nicht, vor allem nicht auf Dauer. Und auch der Freiberufler, der versucht, sich auf dem Markt zu behaupten, hängt sich besser rein. Drastisch gesagt kann hier jede ungenutzte Minute das Ende der Laufbahn als Selbstständiger bedeuten.

In diversen Ratgebern ist von Work-Life-Balance die Rede oder davon, dass beruflicher Erfolg nicht alles ist. Ob die individuelle Lebensrealität es einem erlaubt, kürzerzutreten und weniger zu arbeiten, ist allerdings nichts, was man sich nach Lust und Laune aussuchen kann. Und nicht selten bedeutet dieses Kürzertreten – das triumphale Aussteigen aus dem Hamsterrad – bestenfalls so etwas wie ein Leben in der Einzimmerwohnung mit Lebensmitteln aus dem Sonderangebot. Wobei selbst das heutzutage vielerorts kaum noch machbar ist.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Wer im kapitalistischen Wirtschaftssystem keine Leistung erbringt, kommt schnell mal unter die Räder. Deshalb ist Leistungsdruck in der Regel nicht auf die persönliche Einstellung zurückzuführen, sondern das Resultat einer realen Bedrohung. Wenn du dich also fragst, weshalb du es nicht schaffst, dem Druck zu entkommen, lautet die Antwort mit hoher Wahrscheinlichkeit: weil der Kapitalismus es nicht zulässt. Dementsprechend dürfte klar sein, was nötig ist, um den allgegenwärtigen Leistungsdruck loszuwerden. Wie nah wohl der Generalstreik wäre, wenn statt inhaltsleerer Motivationssprüche diese Erkenntnis in die kursierenden Ratgeber gedruckt worden wäre?



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