Die Ideologie der bürgerlichen Gesellschaft

Die Ideologie der bürgerlichen Gesellschaft

Es ist eine erhebende Vorstellung, dass die Gesellschaft, in der wir leben, das Ergebnis unserer geteilten Werte und Ideen darstellt. Dass sich hinter dieser Vorstellung in Wahrheit eine gut geölte Maschine verbirgt, die kaum etwas dem Zufall überlässt, bekommen die meisten Menschen nie zu fassen. Das Perfide ist, dass bereits dieser Umstand von der Maschine selbst geschaffen wird.

Für die herrschende Klasse ist es von ungeheurer Wichtigkeit, dass die Beherrschten sich ihres Daseins als Beherrschte nie so recht bewusst werden. So wird alles dafür getan, die bürgerliche Ordnung als natürlichen Zustand menschlichen Zusammenlebens zu präsentieren. Gleichzeitig wird den Menschen beigebracht, dass sie ihr Schicksal selbst in der Hand hätten – und das auf mehreren Ebenen.

Zunächst leben wir in einer sogenannten Demokratie. Der gebildete Arbeitnehmer weiß natürlich, dass das die „Herrschaft des Volkes“ ist. Und wer zu diesem Volk gehört, kann doch unmöglich zu den Beherrschten gehören, oder? Sicher. Nur noch einmal die Grünen wählen, dann wird alles besser. Oder – ganz gewieft – die AfD. Denn bei der steckt die „Alternative“ bereits im Namen. Und eine Partei, bei der die „Alternative“ bereits im Namen steckt, kann doch unmöglich mehr vom Gleichen liefern, oder?

Die herrschende Klasse suggeriert der Arbeitnehmerschaft also, sie selbst hätte die Kontrolle über die Zukunft ihres Landes. Zudem wird die Entwicklung dessen, was als normal, anständig oder moralisch vertretbar gilt, als organischer Prozess dargestellt. Dabei trieft die bürgerliche Gesellschaft vor Ideologie, deren einziger Zweck es ist, das System zu stabilisieren. Das geht los beim klassischen Familienbild, das sich parallel zur Ausbreitung des Kapitalismus etabliert hat. Was für ein glücklicher Zufall, denn eine Frau, die unentgeltlich dafür sorgt, dass ihr arbeitender Mann alles hat, was er braucht, um in seinem Job die volle Leistung an den Tag zu legen, während sie gleichzeitig die Kinder – also den Arbeiternachwuchs – großzieht, passt hervorragend zum bestehenden Wirtschaftssystem.

Auch die Erzählung, jeder wäre seines Glückes Schmied, kommt nicht von ungefähr. Ein Bürger, der daran glaubt, dass sozialer wie finanzieller Erfolg von der Leistung des Einzelnen abhängt, wird den Grund für ein versiebtes Leben in erster Linie bei sich selbst suchen. Obdachlos? Selber schuld. Depressiv? Selber schuld. Drogenabhängig? Selber schuld. In der Lohnarbeit gefangen? Selber schuld. Und wer dank der Arbeit seiner 20.000 Angestellten gerade die vierte Villa bauen lässt, na ja, der war eben fleißig. Oder clever. Oder innovativ. Oder eben sonst irgendwas. Sei ihm gegönnt. Wenn man sich anstrengen würde, könnte man das nämlich ebenfalls erreichen. Nur Versager stellen das in Frage.

Wir werden darauf eines Tages noch genauer eingehen. Aber schon jetzt können wir festhalten, dass das allein rechnerisch nicht aufgeht. Nicht nur gibt es mehr Arbeitslose als offene Stellen, sondern auch mehr Wohnungssuchende als für sie bezahlbaren Wohnraum. Ganz abgesehen von der Tatsache, dass zahlreiche prekäre, aber unverzichtbare Jobs schlicht von niemandem mehr gemacht würden, wenn jeder fleißige Arbeitnehmer mit einer Beförderung belohnt oder als erfolgreicher Selbstständiger durchstarten würde.

Natürlich ist da noch lange nicht Schluss. Die kapitalistische Ideologie durchdringt jeden Bereich der bürgerlichen Gesellschaft. Ob man sich Geschlechterrollen, Kunst und Kultur, die Sprache, Ernährungsgewohnheiten oder Schönheitsideale anschaut, überall herrschen Ideen, die hervorragend mit dem wirtschaftlichen Status quo harmonieren. Mitunter ist das noch nicht mal gut kaschiert. Gerade dadurch, dass es so gewöhnlich ist, fällt es in vielen Fällen allerdings dennoch kaum auf.
Wer aber die Beschaffenheit der Gesellschaft einmal verstanden hat und mit offenen Augen durch die Welt geht, wird eine Menge Erkenntnisse sammeln. Außerdem wird er so manches über sich selbst lernen und dabei nicht selten auch Überzeugungen entdecken, die – ganz in der Tradition unseres Wirtschaftssystems – getrost wegrationalisiert werden können.



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