Wer den öffentlichen Diskurs über die Vermögensverteilung verfolgt, wird in regelmäßigen Abständen mit der Aussage konfrontiert, dass das Problem die grenzenlose Gier reicher Menschen wäre. Das ist erst mal nachvollziehbar. Wenn man die Hintergründe nicht kennt, liefert die Gier eine plausible Erklärung dafür, dass Unternehmer, die bereits Millionen oder gar Milliarden auf dem Konto haben, immer noch dem Profit nachrennen.
Ich möchte gar nicht bestreiten, dass der eine oder andere Geschäftsmann der Gier verfallen ist. Aber wie so oft im Kapitalismus spielt der Charakter der Protagonisten im Prinzip überhaupt keine Rolle. Wenn das Wirtschaftssystem seine Sachzwänge auspackt, tut man besser, was es von einem verlangt. Zumindest dann, wenn einem sein Unternehmen lieb ist.
Das Stichwort, um all das zu verstehen, lautet „Konkurrenz“. Ein Unternehmer, der keinen Profit generiert, wird von genau dieser gefressen. Ohne Profit nämlich zum Beispiel kein Kapital für weitere Investitionen. Damit keine Innovation und so auch keine Konkurrenzfähigkeit. Und wer nicht konkurrenzfähig ist, geht früher oder später bankrott. Selbstverständlich ist das stark vereinfacht. Bei börsennotierten Unternehmen etwa kommt noch mal eine andere Dynamik zum Tragen. Aber auch hier bedeuten ausbleibende oder sinkende Gewinne langfristig Einbußen in Sachen Wettbewerbsfähigkeit.
Zugleich steigt das eigene Unternehmen mit wirtschaftlichem Erfolg in der Nahrungskette auf. Mehr Kapital bedeutet mehr Möglichkeiten. Egal ob riskante Investitionen, Expansion oder großflächiges Marketing, all das kann wiederum einem selbst dazu verhelfen, seine Mitbewerber zu überflügeln und vielleicht sogar vom Markt zu drängen – oder eben einfach aufzukaufen und in den eigenen Konzern einzugliedern. Es gilt fressen oder gefressen werden, immerhin stellt jeder Mitbewerber eine potenzielle Bedrohung dar.
An diesem Punkt sollte eigentlich klar sein, dass für einen erfolgreichen Kapitalisten jeder Dollar zählt. Der Handlungsspielraum ist da eher begrenzt. Vor allem in einer umkämpften Branche bleibt wenig Platz für moralische Abwägungen. Letztendlich fließt jede unternehmerische Entscheidung in die Bilanz mit ein: wie viel Lohn die Angestellten erhalten, wie effektiv sie diszipliniert werden, aber auch wie hoch die Energiekosten ausfallen und wie günstig etwaige Rohstoffe und Arbeitsmittel besorgt werden können. Da kann es schon vorkommen, dass der lukrativste Weg der Produktion sowohl am Hungertuch nagende Arbeiterinnen in Bangladesch als auch gigantische Transportwege um den halben Globus einschließt. Und wenn sich Unternehmer A höhere Standards leistet, läuft er schnell Gefahr, unter die Räder zu kommen. Denn es ist gut möglich, dass Unternehmer B eine Chance auf die Marktführerschaft erkennt, wenn er sie sieht.
Insgesamt zeigt sich auch hier wieder, dass jeder, der den Grund für die Missstände auf unserem Planeten in der Niedertracht schlechter Menschen sucht, an der falschen Stelle sucht. Es ist das kapitalistische Wirtschaftssystem selbst, die Logik, nach der es die Menschen zu handeln zwingt, worauf der Großteil der Probleme zurückzuführen ist. Sicher fördern seine Strukturen bestimmte Charakterzüge, indem sie geradezu belohnt werden. Aber ob sich irgendein Konzernboss nun gierig die Finger leckt oder nicht, während er dazu beiträgt, den Planeten sowie sämtliches Leben darauf zu zerstören, ist am Ende des Tages doch wirklich eine unbedeutende Nebensache.








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